VON DER SCHNITTSTELLE IN DEN FLIEßENDEN ÜBERGANG
Reiner Prölß
Eine Tagung unter dem Motto BEP ist in Franken jedenfalls doppeldeutig: Wenn wir BEP sagen, denken wir PEP – und meinen das auch so: Mit Pep nämlich wollen wir den Übergang von Kindergarten und Schule verbessern, mit ebensolcher Power die Zusammenarbeit von Kindertagesstätten und Schulen weiter ausbauen.
Das Bündnis für Familie in Nürnberg stellt mit dieser Initiative einmal mehr ein Projekt seiner beispielhaften Arbeit vor, die seit Jahren eine Vorreiterrolle für Kooperation und Kommunikation pädagogischer Einrichtungen zur Unterstützung der Familien einnimmt.
Die große Nachfrage bei dieser Veranstaltung zeigt den hohen Stellenwert des Themas.
Ein Netzwerk vieler Träger und Institutionen, Dienste und Behörden bildet dieses Bündnis, das von einem kleinen Stab „Familie“ im Referat für Jugend, Familie und Soziales betreut und begleitet wird. Seine Aufgaben sind:
Moderation
Information
Anregung
Beteiligung
Koordination
Initiativen
Förderung
Brigitte Wellhöfer und die GEB-Kita regten an, im Rahmen des BfF die Frage der früheren Einschulung (ab 5 Jahren) zu behandeln. Interne Diskussionen, Gespräche mit dem Jugendamt, mit Fachberatern und dem Schulamt mündeten in zwei Themenkomplexe:
1. Die Bildungsqualität im Kindergarten, also zentrale Motive des BEP
2. Der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule – Strukturen und Organisation
Die Einschulung stellt für viele Kinder und Eltern eine tief greifende Zäsur und auch Belastung dar – nicht nur als Bewältigung des veränderten Tagesrhythmus, sondern vor allem auch durch die veränderte Anforderung durch die Schule. Es wandelt sich auch das Verhältnis der Eltern zu ihrem Kind, das nunmehr Schulkind ist. Bei dieser Herausforderung werden die Eltern meist allein gelassen.
Die durch die PISA-Studie in der Öffentlichkeit ausgelöste Bildungsdebatte schlägt meines Erachtens eine fatale Richtung ein: Wir diskutieren über Studiengebühren, Verkürzung der Schulzeiten, Eliteuniversitäten, die Aufgaben des Kindergartens und vieles mehr; das Kernproblem jedoch – ein verändertes Schulsystem, das den Anforderungen einer Informations- und Wissensgesellschaft gewachsen ist, wird ebenso ausgeklammert wie das Kernproblem unserer Schulstrukturen, diese begünstigen soziale Selektion: In keinem anderen Land ist die Frage der sozialen Herkunft so entscheidend für den Schulerfolg wie in Deutschland. Gelegentlich wird diese Problematik im Zusammenhang mit der Diskussion um die Ganztagesschulen angesprochen.
Dagegen leistet der Kindergarten große Integrationsarbeit – wenn auch Studien zu seiner Bildungsqualität – wie beispielsweise Tietze – die Einrichtung eher als mittelmäßig einstufen, wobei die einzelnen Einrichtungen eine sehr unterschiedliche Qualität aufweisen.
Die Grundschule kann im internationalen Vergleich eine befriedigende Bildungsqualität erreichen – so zeigen es z.B. die IGLU-Studien. Die eigentliche Misere des deutschen Bildungssystems beginnt in den späteren Abschnitten der schulischen Erziehung.
Ein Vergleich mit skandinavischen Schulstrukturen und ihrem Erfolg legt die Kritik unseres selektiven Schulsystems, seiner Dreigliedrigkeit und fehlenden Individualisierung nahe. Dazu kommt die finanzielle Ausstattung des deutschen Bildungswesens: Im internationalen Vergleich nimmt Deutschland einen Platz im hinteren Mittelfeld ein. Dabei geht es auch um die Verteilung der Mittel: Deutschland steht bei den Ausgaben für die gymnasiale Oberstufe und für den universitären Bereich im Ranking auf einem guten Platz – dagegen findet es sich im Bereich vorschulischer Erziehung und bei den Grundschulen am Tabellenende.
Die Schuld am deutschen Bildungsdesaster soll jedoch nicht allein dem schulischen Bereich zugeschoben werden – Bildung ist ein Gesamtkomplex, der Kind und Jugendlichen formt.
Deshalb muss auch an einer Verbesserung der Bildungsqualität im Kindergarten gearbeitet werden – da gehe ich konform mit der Nationalen Qualitätsoffensive und unterstütze die verschiedenen Bildungspläne – wie den Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan.
Wir wollen nicht auf Erlasse, Weisungen oder Empfehlungen von oben warten, sondern die Initiative selbst ergreifen: Träger und Pädagogen der Kindertagesstätten wollen gemeinsam mit den Kollegen von der Grundschule an die praktische Umsetzung der Pläne zur Verbesserung des Erziehungssystems gehen. Diese Zusammenarbeit wird hier bereits praktiziert – vor allem im Rahmen des Bündnisses für Familie. Dieser „Nürnberger Weg“ kann und soll Modell und Beispiel sein.
Der Arbeitskreis „Kindergarten-Schule“ arbeitet für dieses Ziel seit 30 Jahren – inzwischen gibt es auch die Einrichtung von Kooperationsbeauftragten, also Lehrkräften, die sich darum kümmern, aus der Schnittstelle zwischen Kindergarten und Grundschule einen weichen Übergang zu machen. Dabei geht es nicht nur um organisatorische Fragen, sondern auch um Konzepte, die Familien, Kindergärten und Schulen als gemeinsame Lebens- und Lernräume der Kinder entwickeln.
In diesem Zusammenhang spielt die Diskussion um die mögliche verwaltungstechnische Zugehörigkeit der Kindertagesstätten bei der Schule keine Rolle. Kindergärten haben seit Fröbel vor 150 Jahren immer einen eigenständigen Bildungsauftrag – Bildung ist auch mehr als Schule per se. Erziehung, Bildung, Betreuung und Förderung bilden einen Gesamtkomplex als Aufgabe von Jugendhilfe und Schule gleichermaßen. Ressortimmanentes Konkurrenzdenken hilft nicht weiter. Auch hier werden wir einen eigenständigen „Nürnberger Weg“ finden.
Ich hoffe, dass diese Tagung neue Ideen und Impulse bringt, die zu anregenden Diskussionen führen. Allen Teilnehmern wünsche ich Mut und Entschlossenheit – eben Pep – die in unserer schwierigen Zeit dringend erforderliche Neujustierung einer kommunalen Bildungspolitik anzugehen und – wie es Johannes Rau gefordert hat – die Fundamente, Familie, Kindergärten und Grundschule, zu stärken.