AUF DEN ANFANG KOMMT ES AN – Wie Kinder wahrnehmen, denken, lernen und gestalten. >>Sprache und ihre Entwicklung
Redebeitrag von Wilfried Knerr,
Abteilungsleiter des Bereiches Kindertageseinrichtungen, Häuser für Familien und Tagespflege und Programmleitung von SpiKi (sprachliche Bildung in Kindertageseinrichtungen) bei der Stadt Nürnberg.
Ich möchte ihnen hier nicht SpiKi und dessen Bausteine näher bringen, Sie setzen es entweder schon bei Ihner Ihrer täglichen Arbeit ein oder Sie können sie durch unsere Praxishilfen, Faltblätter, Filme, unsere Homepage und die Tische hier im Anschluss, kennen lernen. Ich möchte Ihnen kurz vier Grundsätze/Leitlinien vorstellen, auf deren Grundlage unsere Ziele und Aktivitäten im Rahmen der sprachlichen Bildung und von SpiKi beruhen. Diese sind für uns der Schlüssel, besser der Schlüsselbund, zu einer nachweislich erfolgreichen Bildung.
Nur ein, aber ein herausragendes Beispiel der Effizienz und Nachhaltigkeit unserer Aktivitäten: Sie konnten im Rahmen der Förderung der phonologischen Bewusstheit, dieser wichtigen Vorläuferfähigkeit zum Schriftspracherwerb, 87 Prozent der Kinder aus dem sogenannten Risikobereich holen, Tendenz steigend. Aber nun zurück zu den vier Grundsätzen.
Der erste Grundsatz:
Sprache braucht Beziehung und Bedeutung
Führen wir uns zur Annäherung dieses Grundsatzes doch den BEP, den bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan vor Augen. Da heißt es, sprachliche Bildung beginnt bereits in den ersten Wochen eines Kindes und ist ein kontinuierlicher und langfristiger Prozess. Sprachförderungskonzepte benötigen langfristige Perspektiven und Strategien. Kurzfristige Programme, die schnelle Erfolge versprechen, können meist keine längerfristigen Veränderungen bewirken.
Kinder lernen DANN Sprache mit all ihren Fassetten vom Wortschatz bis zur Sprachmotivation, wenn
- ihnen die Gesprächspartner, die Personen mit denen sie sprechen, wichtig sind,
- wenn Vertrauen zu ihnen vorhanden ist und
- die Kommunikation für sie bedeutungsvoll, also sinnvoll und wichtig ist.
Das heißt, das Kind lernt um so besser um so mehr es einen Nutzen, darin sieht, und das Thema in einem Kontext zu seinen eigenen Lebenserfahrungen, seinen Wünschen, seinen Ängsten und seinen Bedürfnissen steht.
Diese Erkenntnis verbietet somit ausschließlich funktionale – auf kognitive Einheiten ausgerichtete Förderprogramme.
Pädagogische Arbeit ist auch und vor allem Beziehungsarbeit und wie ich kurz angerissen habe, ist eine wertschätzende Beziehung zu Kindern und Erwachsenen in der Kindertageseinrichtungen die beste Voraussetzung und Grundlage für eine gelungene sprachliche Bildung.
Gelingen kann diese aber nur, wenn wir das Kind nicht als Objekt defizitärer Bildungsbemühungen sehen, also die Konzentration auf das „was es nicht kann“ legen, sondern vielmehr seine Entwicklungsfortschritte wahrnehmen, am Besten gut dokumentieren und uns seine vorhanden zwei- und dreisprachige Kompetenzen vor Augen führen.
Ebenso die Fähigkeiten, die ein Kind aus einer Familie mit Migrationhintergrund hat, sich z.B. in verschiedenen Kulturen zu bewegen.
Und damit bin ich beim Menschenbild: Insbesondere der Bereich der sprachlichen Bildung erfordert ein Menschenbild, das auf bedingungslose Akzeptanz und Respektierung des Kindes basiert. Das Kind ist dabei uneingeschränkt wertzuschätzen und darf niemals beschämt werden, so heißt es auch im Bildungs- und Erziehungsplan.
Der zweite Grundsatz:
Sprachliche Bildung ist mehr als Sprachförderung
Sprachliche Bildung ist ein vielseitig gestalteter Prozess, der spätestens bei der Geburt beginnt. Er ist eingebunden in das kulturelle Umfeld der Familie, in die vorhandenen Lern- und Erfahrungsanreize, in ein Lernklima, in die Sprachmotivationen und auch die Sprachvorbilder, die das Kind erhält. Des weiteren in die primären Literacy-Erfahrungen, zum Beispiel durch Bilderbücher, die mit dem Kind angeschaut werden.
Sprachliche Bildung ist immer auch Persönlichkeitsbildung.
Sprachliche Bildung beinhaltet ebenso eine umfassendes Verständnis von Spracherwerb, auch der Muttersprache, Bildung und gesellschaftlicher Integration.
Sie besitzen in Ihren Einrichtungen die effizienten Methoden, sozusagen das Handwerkszeug, der sprachlichen Bildung: Zum Beispiel die Musik, die Lieder, das Theater, die Fingerspiele, die Reime, die kommunikativen Spiele, die Rollenspiele innerhalb und außerhalb der Literacy-Center.
Weiterhin programmatische pädagogische Methoden, wie die Projektarbeit, da geht es ja ganz stark um Kommunikation, um Lebenskompetenz und um Lernkompetenz.
Sie wenden das dialogisches Lesen an, zum Beispiel im Rahmen der Lesefreude von SpiKi, um über den persönlichen Kontakt die sprachliche Lebenswelt der Kinder zu erweitern.
Ebenso steht uns die bereits erwähnte Förderung der phonologischen Bewusstheit als Handwerkszeug zur Verfügung. Ich will damit sagen: Sprachliche Bildung geschieht somit in jedem Moment indem Kinder untereinander und Erwachsenen und Kinder in Kontakt treten, aber um nicht beliebig sondern auch nachweislich effizient zu sein, muss sprachliche Bildung systematische und programmatische Elemente enthalten. Und wir müssen unsere Erfolge reflektieren, sie dokumentieren, sie auswerten und den Eltern, der Fachöffentlichkeit und der Politik transparent und nachvollziehbar machen. Gerade auch in Zusammenhang mit der, doch zu mindestens hier in Nürnberg - aufgrund des BayKiBiG - verbesserten personellen Situation.
Und dann sind dann auch noch die Eltern, die für das Kind wichtigsten Menschen. Diese gilt es in die sprachliche Bildung mit einzubeziehen, wie wir es zum Beispiel in den SpiKi-Praxisprojekten „Schultüte“ und „Mama lernt Deutsch in der Kita“ verwirklicht haben.
Auch die kindgerechte Gestaltung des Übergangs von Kindergarten und Schule, zum Beispiel im Rahmen von Deutsch 160, ist ein wichtiger Bestandteil von sprachlicher Bildung.
Ebenso bieten uns fundierte Elternbildungsprogramme, wie HIPPY, Opstapje und PAT – hier gute Möglichkeiten, Eltern für die Bildungsprozesse ihrer Kinder stark zu machen.
Aber wenden wir uns auch uns und Ihnen als Fachkräften zu. Auch wir haben Potenziale im Bereich der sprachlichen Bildung, nicht nur als Entwicklungspartnerinnen der Kinder, sondern auch in der Auseinandersetzung mit unseren eigenen kulturellen Selbstbildern, unseren eigenen kulturellen Werten, unserer Haltung gegenüber Migrantenfamilien, gegenüber der Zwei- und/oder Mehrsprachigkeit.
Sie haben die Möglichkeit das etwas kantige Wort der interkulturellen Kompetenz nicht allein im theoretischen Wissen, sondern in dem täglichen Umgang mit jedem einzelnen Kind und seiner Familie in unseren Kitas zu leben.
Und zu guter letzt möchte ich die Kolleginnen mit Migrationshintergrund in den Kitas ermuntern, ihre Lebenserfahrung und ihr Vorbild der Integration noch stärker in Arbeit von Teams, zum Wohle der Kinder, insbesondere derer mit Migrationshintergrund einzubringen. Sie, die Kolleginnen mit Migrationshintergrund, haben uns viel zu geben.
Außen vor können natürlich auch nicht die Träger von Kindertageseinrichtungen bleiben. Im Bereich der sprachlichen Bildung ist jeder Träger gefordert, sein Profil herauszuarbeiten und seinen Mitarbeiterinnen in den Kitas die entsprechenden Rahmenbedingungen zu geben, sei es über den Anstellungsschlüssel. Nicht umsonst formuliert das BayKiBig das Zielmaß eines guten Anstellungsschlüssel bei 10,0 und nicht bei 12,5.
Weiterhin benötigen Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen gute Materialien, ausreichend und gute Fortbildungen und möglichst gute Räumlichkeiten um mit Kindern gut zu arbeiten.
Mit SpiKi haben wir die fachlichen Grundlagen entwickelt auf die Sie sich stützen können. Greifen sie zu!
Der dritte Grundsatz:
Sprachliche Bildung braucht Unterstützung
Sehr bewusst sind wir im Rahmen der Entwicklung von SpiKi bereits sehr frühzeitig auf potentielle und kompetente Kooperationspartner zugegangen. Sei es zum Beispiel die Erziehungswissenschaftliche Fakultät der Universität Erlangen Nürnberg im Rahmen der phonologischen Förderung, des dialogischen Lesens und der Entwicklung der Literacy-Center oder das Bildungszentrum und Mitarbeiterinnen des ASD für das Praxisprojekt „Mama lernt Deutsch in der Kita“ und natürlich das Bündnis für Familie für das Praxisprojekt Schultüte.
So kooperieren wir mit Kolleginnen der Stadtbibliothek bei der Entwicklung der Sprachkoffer und der Leselatte, dem Institut für Frühpädagogik in München bei der Entwicklung der Tests zur Sprachstandserhebung Sismik und Seldak, dem staatlichen Schulamt, dem Finkenverlag, sowie dem ISB München bei der konzeptionellen Entwicklung von Deutsch 160, Firmen wie Dusyma, bei der Entwicklung von Sprachspielen und Materialien zur sprachlichen Bildung.
Aber auch einzelne Menschen mit ihren Möglichkeiten sind uns sehr wichtig geworden, zum Beispiel der Türkische Generalkonsul, Herr Kartal, der uns bei der Gewinnung von türkischen Lesefreundinnen unterstützt hat und uns den Zugang zur türkischen Presse geebnet hat. Unerlässlich sind auch Kooperationspartner wie ZAB im Rahmen der Professionalisierung der Arbeit mit Ehrenamtlichen.
Wir stehen somit als Kita im Bereich der sprachlichen Bildung nicht alleine, in jedem Stadtteil gibt es Menschen, Firmen und Institutionen, die mit uns gemeinsam Bildungschancen von Kindern erhöhen. Aber dazu müssen wir uns nach außen öffnen, unsere Arbeit, unsere Ziele transparent machen, die konzeptionellen Grundlagen unserer Arbeit entwickeln, Laien und halb Professionelle integrieren und vor allem unsere Türen öffnen.
Gerade in der Kooperation mit Ehrenamtlichen, die Kinder in Kindertageseinrichtungen Zeit, Wertschätzung und Entwicklungsmöglichkeiten geben können, bedarf es einer hohen Professionalität. Aber das macht ja ihre Kompetenz und ihr Potential als Fachkraft einer Kindertageseinrichtung aus.
Wir können Abschied nehmen von der Vorstellung, alle Bildungsarbeit selbst machen zu müssen. Es gibt wirklich genug Menschen, die uns dabei unterstützen wollen. Alleine im Praxisprojekt Lesefreude lesen jedes Jahr 130 bürgerschaftlich engagierte Menschen, von der Studentin bis zur 90jährigen Seniorin.
Aber: Auch die Integration von Ehrenamtlichen ist nicht zum Nulltarif zu haben und vor allem löst sie keine strukturellen Personalprobleme in einer Einrichtung.
Ehrenamtliche brauchen Zeit von Ihnen als Fachkräften, sie benötigen Wertschätzung von Ihnen, sie benötigen auch Fortbildung von Ihnen und Ihren Trägern, sowie fachliche Unterstützung vor Ort.
Und an die Träger gerichtet: Ehrenamtliche benötigen eine adäquate Struktur von der Versicherung über die Konzeption der Einrichtung bis zum eigenen Postfach in der Kita. Und vor allem benötigt bürgerschaftliches Engagement den erklärten Willen des Trägers hierfür gute Rahmenbedingungen zu schaffen.
Der vierte Grundsatz:
SpiKi und sprachliche Bildung leben von der Verbindung zwischen Theorie und Praxis
Als letzter Grundsatz, im Sinne einer Erkenntnis aus unseren eigenen Erfahrungen, kann ich sagen, dass ein Programm zur sprachlichen Bildung wie SpiKi eine nie abgeschlossene fachliche Reise ist.
Es lebt von der Verknüpfung der aktuellen theoretischen Erkenntnisse mit den Bedarfen und Erfahrungen der Praxis.
An dieser Stelle möchte ich Frau Professor Kochan ganz herzlich danken. All ihre dargelegten Statements finden Eingang in unsere Praxisprojekte, besonders natürlich in unsere Literacy-Center.
Es lebt aber genauso von dem Engagement der Kolleginnen, ihren Ideen und Erfahrungen.
In all unseren Praxishilfen, zuletzt zur interkulturellen Arbeit und den Literacy-Centern, flossen die Erfahrungen von Kolleginnen mit ein bzw. waren Fachkräfte an der fachlichen Erstellung mitbeteiligt.
Je stärker Mitarbeiterinnen an Konzepten beteiligt werden, desto engagierter setzen sie diese auch in der Praxis mit den Kindern und den Eltern und den Ehrenamtlichen um und desto praxistauglicher sind die Konzepte.
Diese Haltung steht auch nicht im Widerspruch zu der Tatsache, dass wir zum Beispiel in dem Bereich der phonologischen Förderung die Testung und wo notwendig, die Förderung der Kinder, für alle unsere Kindergärten verbindlich vorgegeben haben. Wir tun dies weil diese Förderung so wichtig für jedes dieser Kinder ist und weil wir so nachweisbar erfolgreich damit sein können.
Gerade im Bereich der sprachlichen Bildung benötigen wir, um noch erfolgreicher Arbeiten zu können, eine enge Kooperation mit den Ausbildungsstätten und der Wissenschaft.
Hier liegen meiner Ansicht nach noch große Entwicklungspotentiale und Notwendigkeiten.
Dies bedeutet aber auch, dass wir uns als Kindertageseinrichtung noch stärker öffnen und unser Handeln auch stärker hinsichtlich des nachhaltigen Erfolges hinterfragen lassen müssen.
Wir können uns getrost als Spezialistinnen und Spezialisten für eine präventive, kindgerechte, erfolgreiche und nachhaltige Lebensbildung von Kindern und Jugendlichen bezeichnen und können und müssen uns – eben als diese Spezialisten – auch effektiv dafür einsetzen.