AUF DEN ANFANG KOMMT ES AN – Wie Kinder wahrnehmen, denken, lernen und gestalten. >>Sprache und ihre Entwicklung
Professor Barbara Kochan
Technische Universität Berlin
Lernträchtige Prinzipien in der Schlaumäuse-Software
Welche Fähigkeiten haben die Kinder hinzugewonnen?
- Beherrschung der deutschen Sprache durch die Kinder
- Auswirkungen der Schlaumäuse-Software auf den mündlichen Sprachgebrauch
- Auswirkungen der Schlaumäuse-Software auf den Schriftspracherwerb
Das „Schlaumäuse“-Programm: Schlüssel zum Schriftspracherwerb
„Ich schreibe eine Geschichte über den Weltraum“, sagt Sascha. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, wenn es sich bei dem Autor nicht um einen fünfjährigen Jungen handeln würde. Sascha ist kein „Wunderkind“, sondern gehört zu den rund 4.000 „Schlaumäuse“-Kindern, die im Rahmen der Pilotphase am Computer die faszinierende Welt der deutschen Sprache und der Buchstaben erobern. Und das mit großem Erfolg und mit sehr viel Spaß.
Um die Sprach- und Schriftfähigkeit von Kindern im Vorschulalter gezielt zu fördern, wird das Projekt von Microsoft Deutschland und Partnern seit 2003 durchgeführt.
Die speziell für das Projekt entwickelte „Schlaumäuse“-Software ermöglicht den Kindern im Alter von drei bis sieben Jahren, selbstständig einzelne Laute aus Wörtern herauszuhören und Buchstaben zu erlernen. Dadurch überwinden sie auf spielerische Weise Sprachbarrieren. Den sinnvollen Umgang mit dem Computer und seinen vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten zu erlernen, ist ein weiterer positiver Effekt des innovativen Lernprogramms.
„Ich will“ statt „Ich muss“ – Lernlust statt Lernfrust.
Grundlage des „Schlaumäuse“- Projekts ist das von den Expertinnen der ComputerLernWerkstatt der TU Berlin in langjähriger Forschungsarbeit entwickelte Konzept des „Entfaltenden Lernens“. Das Besondere an dieser Methode: Den Kindern werden verschiedene Lernangebote unterbreitet, zwischen denen sie frei wählen können. Ob allein oder in der Gruppe, die Kinder bestimmen sämtliche Schritte zur Lösung einer Aufgabe. Die Erzieherinnen und Erzieher stehen den Kindern lediglich als ermutigende Lernbegleiter zur Seite. Fehler, die bei der Bewältigung einer Aufgabe entstehen, werden nicht als Schwäche bewertet.
Im Gegenteil – Fehler gehören zum Lernprozess dazu und werden konstruktiv aufgegriffen. Die Kinder lernen so in einer „Ich-will“-Situation statt in einer „Ich-muss“-Situation.
Es wird nicht von ihnen erwartet, dass sie eine Aufgabe in einer vorgegebenen Zeit bearbeiten oder lösen. Durch diesen selbstbestimmten Lernvorgang erhöht sich die Motivation der Kinder, ihr Ehrgeiz wird geweckt, und das Selbstvertrauen gestärkt.
Mit der „Schlaumäuse“-Software spielerisch lesen und schreiben lernen.
Zuhören, hinhören, ausprobieren, mit denken und mitspielen – so lautet das Erfolgsrezept der „Schlaumäuse“- Software. Ein Lernprogramm, das neugierig macht und die Kinder zum selbstständigen Arbeiten animiert.
Der Clou: Mit der Software können die Kinder die stumme Schriftsprache zum Sprechen bringen. Dadurch sind die Kinder in der Lage, die Aufgaben eigenständig zu lösen – ohne jeglichen Zeitdruck oder Hilfestellung eines Erwachsenen. Das Programm mit kindgerecht gestalteten Bildern, sprechenden Figuren und besonders großer Schrift geht auf das persönliche Lernniveau eines Kindes ein: Zahlreiche digitale Werkzeuge wie z. B. die „sprechende Tastatur“ oder die „Flüstertüte“ helfen ihnen so lange, bis sie die Aufgabe gelöst haben.
Eine Methode, die jede Lerneinheit mit den „Schlaumäusen“ zum Erfolgserlebnis für die Kinder werden lässt. Selbst Kinder, die über geringe Deutschkenntnisse verfügen, können so spielerisch die fremde Sprache erlernen.
Ziel der begleitenden wissenschaftlichen Untersuchung, die nach einem halben Jahr Projektlaufzeit begonnen wurde, war es, herauszufi nden, ob Sprachkompetenz und Schriftspracherwerb von Vorschulkindern durch die Nutzung der „Schlaumäuse“-Software tatsächlich gezielt gefördert werden können und wie die Erzieherinnen und Erzieher die Lerninitiative und den Lernerfolg der Kinder beurteilen.
Im Fokus standen dabei die Beobachtungen der Erzieherinnen und Erzieher sowie der Eltern, weil sie die sprachlichen Auswirkungen des Projekts auf den Alltag der Kinder im Hinblick auf ihre Gesamtpersönlichkeit am besten einschätzen konnten. Außerdem ermittelte die Projektbegleitung Einstellungsänderungen und Schlussfolgerungen der Erzieherinnen und Erzieher.
Hier sollen exemplarisch nur einige Ergebnisse genannt werden.
Auch deutsche Kinder haben Probleme mit ihrer Muttersprache.
Deutsche Sprache, schwere Sprache: Das gilt vor allem für Kindergärten in sozialen Brennpunkten. Insgesamt werden in den 200 Kindergärten über 45 verschiedene Muttersprachen gesprochen! Von den am Projekt beteiligten Kindern stammen 43 Prozent aus nichtdeutschen Familien.
40 Prozent dieser Kinder sprachen vor Projektbeginn so schlecht deutsch, dass sie als so genannte Risikokinder einzustufen waren. Bei Risikokindern ist zu befürchten, dass sie in der Schule beim Lesen und Schreiben erhebliche Schwierigkeiten (LRS) haben werden. Die Studie belegt, dass auch deutsche Kinder Schwierigkeiten im Umgang mit ihrer Muttersprache haben: Nach Einschätzung der Erzieherinnen und Erzieher gab es vor Projektbeginn 10 Prozent deutschsprachige Risikokinder.
Bezogen auf die gesamte Stichprobe bei 3.964 Kindern sprachen anfangs 22 Prozent der Kinder die deutsche Sprache schlecht bis gar nicht!
Verbesserung des Sprachvermögens und der Kommunikation untereinander.
Die Ergebnisse der Studie sind verblüffend: 80 Prozent der Erzieherinnen und Erzieher gaben an, dass die Kinder die Texte der Figuren mit großem Eifer nachgesprochen haben und sie sogar in ihren Wortschatz aufgenommen haben.
Auch die Kommunikation untereinander hat sich positiv verändert: 75 Prozent der Erzieherinnen und Erzieher teilten mit, dass sich die meisten Kinder mindestens zu zweit mit dem „Schlaumäuse“-Lernprogramm auseinandersetzten und sich gegenseitig mit Tipps und Ratschlägen unterstützten.
Die Kinder beschäftigten sich auch außerhalb der Computerzeit mit den „Schlaumäusen“, indem sie viel über das Programm gesprochen haben.
Das bestätigten 72 Prozent der Erzieherinnen und Erzieher bzw. 77 Prozent der befragten Eltern.
Ganz besonders wichtig war es den Kindern, dass sie zusammen mit ihren Kindergartenfreunden am Computer gespielt haben. Dieses Ergebnis geht aus 82 Prozent der ausgewerteten Elternfragebögen hervor.
Auszüge aus den freien Berichten der Erzieherinnen
„Die Kinder verwendeten Texte und Wörter, die sie durch die Schlaumäuse- Software kennen gelernt haben, auch im Alltag.“ „Alle Kinder verwenden die Sprüche und Reime aus der Schlaumäuse- Software, auch wenn Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Die Kinder kommunizieren viel häufi ger miteinander durch und mit den Mäusen.“ „Der sechsjährige Junge hatte Sprachauffälligkeiten, z. B. beim S-Laut. Er sagte statt Schlange Ssssslange.
[...] Bei den Lolli-Buchstaben- Spielen fiel uns auf, dass er sich die Worte immer mehrmals vorlesen ließ, um sie dann so oft nachzusprechen, bis er meinte, dass er es genauso gut konnte wie die Figuren in der Software. Es gelang ihm wirklich oft, die Wörter ohne Auffälligkeiten zu sprechen.“ „J. ist ein sechsjähriger deutscher Junge. In seinem Elternhaus wird stark dialektgefärbtes Deutsch gesprochen. Im Umgang mit der Schlaumäuse-Software hat sich seine Aussprache dem Hochdeutschen angenähert.“
Die Schlaumäuse-Software hat Auswirkungen auf den Erwerb der Schriftsprache.
Hinsichtlich der Anbahnung des Schriftspracherwerbs bestätigen: 81 Prozent der Erzieherinnen: Kinder zeigten Interesse an Schrift, 50 Prozent der Erzieherinnen: Kinder haben einzelne Sprachlaute unterscheiden gelernt, 74 Prozent der Erzieherinnen: Kinder haben Buchstaben schreiben gelernt, 61 Prozent der Erzieherinnen: Kinder haben Buchstabe-Laut-Beziehungen gelernt, 39 Prozent der Erzieherinnen: Kinder haben fremde Wörter lesen gelernt und 47 Prozent der Erzieherinnen: Kinder haben eigene Wörter lautorientiert verschriften gelernt.
Auszüge aus den freien Berichten der Erzieherinnen und Erzieher:
„Unsere Kinder werden ca. zehn Monate vor der Einschulung getestet, um das Risiko einer eventuellen Lese- Rechtschreib-Schwäche festzustellen.
In den Jahren zuvor bestand immer für ca. zehn Kinder ein LRS-Risiko. In diesem Jahr habe ich nur drei Risikokinder. Diesen Erfolg führen wir auf das Schlaumäuse-Projekt zurück.“ „H. ist ein fünfjähriger kurdischer Junge. [...] Zurzeit schreibt H. aus dem Gedächtnis Namen auf und lässt sie sich (von der Flüstertüte) vorlesen.
Er kann die Laute den Buchstaben zuordnen und umgekehrt. Klingt ein geschriebenes Wort nicht richtig, tauscht er die mutmaßlich „falschen“ Laute aus, so lange, bis der Name so klingt, wie er ihn kennt.“ „N. ist ein vierjähriger deutscher Junge. N. beschäftigte sich viel in Pops Schreibwerkstatt und machte dort vielerlei Erfahrungen (Flüstertüte).
Danach beobachteten wir, dass er sich im Alltag viel mit Schreiben von Buchstaben und Wörtern auseinander setzte. Aus ‚Quatschwörtern‘ wurden lesbare Wörter. Parallel dazu löste er alle Schwierigkeitsgrade bei Lolli. Er spielte mit Buchstabe-Laut- Beziehungen.“ „S. ist ein fünfjähriger deutscher Junge. Zu Beginn des Projektes wusste er in den Buchstaben-Spielen noch nicht, wie die Buchstaben aussehen. Deshalb nahm er die Forscherwerkzeuge Lautsprecher, Stethoskop oder Flüstertüte zu Hilfe und hörte sich die Buchstaben immer wieder an. [...] Einmal schrieb er auf Papier das Wort ‚Kino‘. Auf die Frage, woher er denn wisse, wie man dieses Wort schreibt, antwortete er: „Das hört man doch.“ Er schreibt jetzt auch andere Wörter auf diese lautorientierte Weise. Zurzeit schreibt er gern die Begriffe aus dem Schlaumäuse- Lexikon auf Papier ab. Diese interessieren ihn sehr. S. kann jetzt alle Buchstaben auswendig nach Gehör aufschreiben. Er muss keine Werkzeuge mehr benutzen.“
Was nützt die Initiative „Schlaumäuse“ den Kindern?
Mit Hilfe der „Schlaumäuse“ werden Kinder fit in der deutschen Sprache und können sogar alles schreiben und lesen, was sie möchten. Und das, ohne geschriebene Wörter aus wendig lernen zu müssen. Dabei lösen sie sich von der Hilfe Erwachsener – auch die Kinder, die eine andere Muttersprache sprechen.
Wie funktioniert das?
Eine klare Aussprache ist sehr wichtig für den erfolgreichen Einstieg in das Schreiben- und Lesenlernen.
Die Figuren der Software – wie der Zauberer, der Gorilla, Lolli oder Pop – sprechen richtig gutes Hochdeutsch.
Das Programm hat einen hohen Aufforderungscharakter und ist mit vielen schönen kindgerechten Details und Bildern ausgestattet. Mit den Schlaumäusen können die Kinder die Schrift zum Klingen, zum Sprechen bringen – und das zieht alle in ihren Bann. Zuhören und hingucken heißt die Devise, mitdenken, mitspielen.
Die Kinder brauchen nicht mehr Erwachsene bitten: „Lies mir das mal vor“. Durch die Schlaumäuse haben sie einen direkten Zugang zur Schrift und werden dadurch unabhängig von Eltern, Erziehern und anderen Erwachsenen. Mit den „Schlaumäusen“ erfahren die Kinder, dass unsere Sprache lautorientiert ist, erst danach können sie wirklich selbstständig lesen und schreiben lernen.
Ist der Erfolg greifbar?
In den 200 Kindertagesstätten mit 4.000 Kindern, in denen wir zwischen 2003 und 2005 die Erzieherinnen und Erzieher nach dem Erfolg der „Schlaumäuse“ befragt haben, waren vor Projektbeginn 40 Prozent der Kinder nichtdeutscher Muttersprache und 10 Prozent der Kinder deutscher Muttersprache Risikokinder. Bei diesen Kindern war zu befürchten, dass sie in der Schule erhebliche Lese-Rechtschreib- Schwierigkeiten bekommen würden.
Von den Erzieherinnen und Erziehern hörten wir aber, dass die Kinder seit Einführung der Software besser und schneller Deutsch lernen und sich stärker und erfolgreicher für Schrift interessieren – so dass die Anzahl der Risikokinder im ersten Projekthalbjahr deutlich abnahm.
Berücksichtigt das Lernprogramm den individuellen Bildungsstand eines Kindes?
Wenn das Kind eine Aufgabe nicht lösen kann, bekommt es durch die „Schlaumäuse“ weitere Hilfestellungen wie neue Werkzeuge, mit denen es sich weiter an die Sprache herantasten kann. Es kann sich also den gleichen Aufgaben widmen wie die fortgeschritteneren Kinder. So kann jedes Kind von seinem persönlichen Niveau aus Fortschritte machen, ohne dass es dabei ausgegrenzt wird.
Wie das Programm mit den Kindern denkt, das ist wohl einmalig auf der Welt.
Sollten alle Kindergärten und Vorschulen die „Schlaumäuse“ verwenden?
Ja, weil die Software diese einzigartige Individualisierung durch das Kind selbst ermöglicht. Und sie provoziert nachweislich zu lustvoller Anstrengung und erfolgreichem Lernen. In der Schule würden Lehrer und Erzieher durch die Software entlastet werden. Sie sollte also zum Pfl ichtprogramm für Kindergärten und Vorschulen werden.
Die vorstehenden Ausführungen sind der Publikation "Projektbegleitung der Microsoft-Bildungsinitiative: Schlaumäuse - Kinder entdecken Sprache" der Microsoft Deutschland GmbH entnommen.
Sie kann unter www.schlaumaeuse.de bestellt und downgeloadet werden.