Ausblick
Reiner Prölß
Meine Aufgabe ist es nun, zum Abschluss der Tagung einen Ausblick zu geben. Mit Ausblicken läuft man durchaus auch Gefahr, zwischen Ankündigungsrhetorik und Hellseherei angesiedelt zu werden. Ich will, ich muss es trotzdem versuchen.
Christiane Stein hat gestern in – wie ich finde – sehr eindrucksvoller Weise eine stärkere Reflexion pädagogischen Handelns gefordert. Die in Bildungsplänen und pädagogischen Konzepten verwendeten Begriffe sollten überprüft und mit der eigenen Praxis verglichen werden. Es geht also darum festzustellen, ob die eigene Einstellung und das Handeln mit dem übereinstimmt, was als Bildungsziel, Begriff, Methode oder Stil vorgegeben ist. Man sollte nicht vorschnell urteilen und glauben, dass ohnedies im eigenen Bereich alles geregelt und realisiert wird. Es muss tiefer angesetzt werden, um pädagogisches Handeln auf den Begriff zu bringen.
A propos Begriff: Ich ertappe mich immer wieder dabei – und mir ist das in der kurzen Zeit meiner Anwesenheit mehrmals aufgefallen, dass es vielen von Ihnen auch so geht – dass Bildung bewusst oder unbewusst immer wieder mit Schule oder formalisierten, strukturierten, curricularen und zertifizierten Lernprozessen gleichgesetzt wird und dass das Bildungs- als Schulsystem verstanden wird. Doch Bildung ist mehr als Schule und Lernen mehr als Unterricht.
Inzwischen ist allgemein bekannt, dass diese formalisierten Lern- und Bildungsprozesse nur einen geringen Teil aller Kenntnisse und Fähigkeiten der Menschen ausmachen. Und ich möchte unterstreichen und Sie bitten, dies auch immer selbstbewusst zu vertreten: Wir sind in der Jugendhilfe – und der Bereich der Kindertagesstätten in jedem Fall – Teil des gesamten Bildungssystems und waren es schon immer – seit Fröbel, wenn auch der Betreuungsaspekt manchmal in der öffentlichen Diskussion zu sehr betont wird.
In der öffentlichen Wahrnehmung werden informelle und nonformale Orte und Modalitäten von Bildung in Deutschland – anders als in anderen europäischen Staaten und in den USA – kaum als Bildungsfaktoren verstanden. Dabei sind sie es vor allem und nicht nur die Schule, die maßgeblich über den Bildungserfolg und Kompetenzgewinn entscheiden.
Ausgangspunkt für eine bildungspolitische Debatte auf lokaler Ebene muss das soziale Umfeld sein. Das soziale Umfeld ist – wie der 11. Kinder- und Jugendbericht formuliert – ein Gefüge mehr oder minder dauerhafter sozialer Beziehungen, in der der Einzelne verankert ist. Geht man vom Bild der konzentrischen Kreise aus, so ist der innere Kreis die familiale Lebensform; den nächsten Kreis bilden die informellen Netzwerke und dann folgen die organisierten Netzwerke mit formalen und institutionalisierten Strukturen (Angebot der Kinder- und Jugendhilfe, Schule etc.).
Durch intensive und durchdachte Kooperation der verschiedenen Bildungseinrichtungen bzw. dem Ineinandergreifen von formalen und informellen Lernprozessen müssen Lernwelten neu gestaltet werden. Vor Ort, im Stadtteil, müssen alle Beteiligten und Interessensvertreter Netzwerke bilden und zwar nicht nur die klassischen sozialen Dienste und Bildungseinrichtungen, sondern auch Kultureinrichtungen, Vereine, Sportverbände, Künstler und Handwerker. Sie alle sollen im Sinn der Corporate Citizenship mit ihren Kompetenzen ebenso einbezogen und für bürgerschaftliches Engagement gewonnen werden wie wirtschaftliche Unternehmen.
So können im Stadtteil Netzwerke entstehen, die umfassende Lern- und Bildungsprozesse ermöglichen. Einrichtungen wie Kindertagesstätten aber auch Schulen stellen ihre Infrastruktur zur Verfügung, werden zum räumlichen Kristallisationspunkt für angebots- und einrichtungsübergreifende „Stadträume“ als „Lernräume“.
So könnte eine neue Kultur der Bildungs- und Erziehungsverantwortung aller entworfen werden.
Das Bündnis für Familie hat mit dem Projekt Die Kindertagesstätte als Ort für Familien dieses Konzept aufgegriffen. Auch der BEP betont die Bedeutung der ganzheitlichen Erziehung: Das Kind darf nicht isoliert gesehen werden, sondern in Zusammenhang mit seinem sozialen Umfeld. Verstärkt muss man deshalb mit den Eltern, der ganzen Familie kooperieren, den Erziehungsprozess zum Gemeinwesen hin zu öffnen. In Nürnberg sind wir dabei bereits auf einem guten Weg.
Diesen Weg wollen wir mit dem Bündnis für Familie auch weiter gehen – insbesondere die Kindertagesstätten, vielleicht auch die Schulen ins Zentrum bürgerschaftlichen Engagements rücken, wie wir das mit einzelnen Projekten begonnen haben: Vorlese- Omas und Opas in Kindertagesstätten oder der Einsatz von Künstlern. Auch Unternehmen sollen Partnerschaften eingehen, wie dies Microsoft mit den „Schlaumäusen“ bundesweit und in Nürnberger Kindertagesstätten vorbildlich leistet.
Wir werden solche Projekte weiter anregen, unterstützen und weiter entwickeln – ebenso wie Projekte zur Integration von Kindern mit Migrationshintergrund, zum Beispiel die „Schultüte“. Beispiele funktionierender Praxis – und die gibt es in Nürnberg in großer Anzahl – sollen gesammelt und kommuniziert werden. Wir sind dabei hierfür einen internetbasierten Weg zu finden.
Ganz offen muss ich gestehen, dass mich das positive Echo des BEP überrascht hat und kein larmoyantes Jammern zu hören war – „ was sollen wir denn noch alles machen?“ Liegt es am Teilnehmerkreis, einer besonderen Auswahl von Engagierten? Liegt es daran, dass man sich auf den Weg macht, „den BEP machbar zu machen“? Übrigens ein schöner Slogan.
Mein besonderer Dank geht an die Akteure des Kooperationswerks, das als runder Tisch beim Bündnis für Familie schon viel Qualität in die Nürnberger Kita-Landschaft gebracht hat und beispielgebend für eine fachliche Zusammenarbeit ist.
Die pädagogische Qualität ist eine Seite, die Strukturqualität die andere Seite der Medaille. Wir müssen uns auch Gedanken machen, wie wir fantasievoll und kreativ unter schwierigen finanziellen Bedingungen die Angebote noch kinder- und familienfreundlicher machen können. Damit spreche ich Öffnungszeiten, Brückentage und Ferienzeiten ebenso an wie die grundsätzliche Frage der Flexibilität von Einrichtungen und Betreuungssettings.
Ein schwergewichtiges Thema wird die Rolle der Kindertagesstätten in der modernen Arbeitswelt einnehmen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erreichen; es geht auch um die Integration in den Arbeitsmarkt im Zusammenhang mit den Reformen von Hartz I bis IV. Diese Positionen sind ebenso wichtig wie die der Bildungsqualität in den Kindertagesstätten. Ich wünsche mir, dass wir auch hier einen gemeinsamen Nürnberger Weg finden – einvernehmlich und kooperativ. Im Bündnis für Familie werden wir uns diesen Fragen stellen.
Ein weiterer Kernpunkt steht in der nächsten Zeit zur Behandlung an: Es geht um die familienfreundliche Schule. Die erste wichtige Phase ist der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule – dabei ist die Situation des Kindes und seine Förderung ebenso zu bedenken wie die Situation der Familie, deren Alltag sich entscheidend verändert. Wir haben heute ein Beispiel für die Gestaltung des Übergangs und viele Anregungen dazu gehört. Das Pädagogische Institut wird auf Initiative des Stabs „Familie“ diesen Komplex ebenso in sein Fortbildungsangebot aufnehmen wie die Elternarbeit an Schulen ganz allgemein.
Wir brauchen eine Erziehungspartnerschaft von Elternhaus und Schule in gemeinsamer Verantwortung und gemeinsamer Gestaltungspartnerschaft darf gerade hier keine Einbahnstraße sein.
Wird dürfen beim Prozess des Übergangs und der pädagogischen und organisatorischen Gestaltung – also beim Wechsel von einem nonformalen Bildungsort Kindergarten mit seinen zahlreichen informellen Bildungsprozessen zu einem formalen Bildungsort Schule und weiteren Orten (Hort, Mittagsbetreuung und anderen Betreuungsarrangements) – nicht nur den Unterricht in den Blick nehmen, sondern müssen die Angebote und Möglichkeiten nach und neben den Unterricht betrachten: die Hortangebote, die Qualität von Mittagsbetreuung, Bewegungsmöglichkeiten für Kinder, Ernährungsmöglichkeiten und –gewohnheiten, Gesundheit etc. Wir werden nicht umhin kommen – auch wenn das eine schwierige Diskussion werden wird – über eine „integrierte Ganztagesbildung“ für Grundschüler nachzudenken und entsprechende Konzepte zu entwickeln.
Ich finde, dass wir dieses Bildungsverständnis offensiver in die Diskussion einbringen müssen.
Ich bedaure, dass wenig Kollegen aus dem Bereich der Schulen an der nun zu Ende gehenden Veranstaltung teilgenommen haben: Wir müssen mit der Schule nicht nur den Übergang oder eine familienfreundliche Schule thematisieren, sondern auch die Pädagogen damit vertraut machen, was in den Kindertagesstätten für Bildung, Erziehung und Förderung geleistet wird und wie sich gerade dieser pädagogische Bereich auf den Weg in die Zukunft gemacht hat.
Wir haben uns deshalb entschlossen, die Tagung zu dokumentieren, um sie allen Interessierten zugänglich zu machen Mein Dank geht an alle, die die Veranstaltung vorbereitet und durchgeführt haben; Dank an die Referenten, an die Moderatoren/-innen; an die Akteure des Kooperationsnetzwerks. Ich hoffe, dass diese Veranstaltung „der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ wird – in den Einrichtungen und zwischen den Institutionen. Ich freue mich jedenfalls auf unsere zukünftige Kooperation. Schließlich darf ich mich verabschieden, nicht ohne Ihnen allen für Ihr Interesse und Ihr Engagement zu danken.