Frieder Harz
Religiöse Bildung und Erziehung - Eine Aufgabe für alle Kindertagesstätten
Verpflichtendes christliches Menschenbild
Umgang mit religiösen Traditionen
Fragen, die in die Tiefe gehen
Kindertagesstätten in kirchlicher Trägerschaft
Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan BEP behandelt in einem Abschnitt die religiöse und ethische Erziehung. Ist Religion nicht das Thema der Kindertagesstätten in kirchlicher Trägerschaft? Schicken nicht viele Eltern ihre Kinder bewusst in eine kommunale Kindertagesstätte, um religiöser Erziehung zu entgehen? Wählen nicht auch immer wieder Erzieher einen weltlichen Arbeitgeber aus demselben Grund? Das zielt eher darauf, die Dimension des Religiösen aus den bildungsrelevanten Themen der Einrichtungen auszuklammern.
Gleichwohl gehört Religion zur Erfahrungswelt der Kinder. Überall stoßen wir auf christliche Wurzeln unserer abendländischen Kultur. Aktuelle weltpolitische Konstellationen lassen sich ohnedies ohne Einblicke in religiöse Hintergründe nicht verstehen. Das darf jedoch nicht auf additive Informationen über die Weltreligionen begrenzt bleiben – schon gar nicht bei kleinen Kindern. Es stellt sich also die Aufgabe, religiöse Bildung für alle zu thematisieren. Allerdings sollte sich das von einer Vorbereitung zur konfessionellen Bindung unterscheiden. Genau das ist die Grundposition der Aussagen, die der BEP zur religiösen und ethischen Bildung vorlegt. Das ist auch Entwurf für weltliche Einrichtungen, sich in dieser Weise mit Religiosität auseinander zu setzen.
Wenn alle bayerischen Einrichtungen diesem Bildungsplan verpfl ichtet sind, müssen dann kirchliche Einrichtungen auf ihr eigenes christliches Profil verzichten? Die Autoren des BEP betonen immer wieder, dass eigenständige Profi le nicht eingeebnet werden sollen sondern viel Raum bekommen sollen. So unterstützt er auch eine konzise religiöse Erziehung in kirchlicher Trägerschaft. Allerdings müssen auch deren religionspädagogischen Intentionen von einem Verständnis für Bildung und Erziehung getragen werden, das den pädagogischen Erkenntnissen unserer Zeit entspricht. Auch traditionelle konfessionelle religiöse Erziehung muss an den Standards, die im BEP gesetzt wurden, Maß nehmen.
Der BEP betont immer wieder das verpflichtende Vorbild des christlichen Menschen. In einer säkularen Gesellschaft, in der die Trennung zwischen Kirche und Staat festgeschrieben ist, kann es sich dabei nur um eine Vorstellung vom Menschen handeln, die in unserer Gesellschaft breiten Konsens erlangt hat: Sie hat zwar ihre biblisch-christlichen Wurzeln, erweist aber auch jenseits kirchlicher Tradition ihre Gültigkeit. So ist auch der Topos von der Gottebenbildlichkeit des Menschen in das Postulat von der unantastbaren Würde jedes Menschen in unsere Verfassung eingegangen.
Daraus ergeben sich pädagogische Konsequenzen: das Recht auf Bildung und das Angebot von vertrauen stärkenden Beziehungen, in denen die Kinder selbständig ihre Fähigkeiten entfalten und ihre Welt entdecken können. Die Wertschätzung kindlicher Kreativität wurzelt in der biblischen Sicht vom Menschen, wie er von Gott geschaffen wurde, ist aber auch aus unserem modernen Bildungsverständnis nicht wegzudenken. Engagement für Bildung schließt auch die Berücksichtigung dieser Wurzeln mit ein, um der Gefahr eines einseitigen Menschenbilds zu entgehen. Das bezieht sich vor allem auf die betonte Orientierung an ökonomischen Fähigkeiten, die gern auf frühzeitiges Training entsprechender Leistung setzt. Sie nimmt an erreichbaren Bildungsabschlüssen Maß und nicht so sehr an der Entfaltung individueller Potenziale. Sie setzt nur auf die Schulfähigkeit der Kinder und sorgt nicht dafür, der persönlichen und ganzheitlichen Entwicklung auch in der schulischen Bildung mehr Entfaltung zu geben.
Natürlich muss auch eine kirchlich orientierte Pädagogik hinterfragt werden, wie sie es denn mit dem biblisch-christlichen Menschenbild hält. Die Drohung mit dem strafenden Gott etwa passt mit Sicherheit nicht dazu. Die Kindertagesstätte in kirchlicher Trägerschaft entwickelt ein positives Profi l in der Wertschätzung der Kinder in Jesu Verkündigung, wie sie im so genannten „Kinderevangelium“ zum Ausdruck kommt („Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht…“ Mk10,14). Sie wird zu einer besonderen Verpflichtung und hält das Bewusstsein dafür wach, dass Kinder nicht an den Erwartungen der Erwachsenen zu messen sind.
Umgekehrt sollten die besonderen Gaben der Kinder den Erwachsenen Anlass zum Nachdenken geben, was sie inzwischen verloren haben – auch im Kontext mit den Worten Jesu „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen...“ (Mt 18,3). Das soll sich in einer Haltung der Erzieher spiegeln, die Kinder in ihrem Sosein respektieren. Das alltäglich pädagogische Geschehen und die konkrete religiöse Erziehung gehören unter diesem Gesichtspunkt untrennbar zusammen.
Überall soll die Atmosphäre des Vertrauens und die Wertschätzung der Kinder deutlich werden.
Das Besondere einer christlichen Kindertagesstätte zeigt sich also weniger an der Häufi gkeit des Betens, des Erzählens von Gott, des Feierns der christlichen Feste sondern daran, inwieweit der Umgang mit den Kindern christlichen Glaubensinhalten entspricht. Diese Einsicht sollte auch kirchliche Träger leiten, wenn sie die Überlegung anstellen, inwiefern die Kindertagesstätte zum Aufgabenspektrum einer Kirche- beziehungsweise Pfarrgemeinde gehört; wie eine christliche Gemeinde ihren Mitarbeitern in der Kindertagesstätte Anerkennung und Wertschätzung ihrer Arbeit zukommen lassen und sie so in ihren Beziehungen zu den Kindern unterstützen. Orientierung am christlichen Menschenbild zeigt sich nicht zuletzt auch daran, wie weit die Mitarbeiter einer Kindertagesstätte in das Leben der Kirche und Pfarrgemeinde eingebunden sind – in die gemeinsame Aufgabe, Jesu Maßstäbe für den Umgang mit Kindern auch heute zu verwirklichen.
Die folgenden Ausführungen sind nun auf die vier Abschnitte zur religiösen und ethischen Erziehung im BEP bezogen. Sie erläutern deren Bedeutung für alle Kindertagesstätten und zeigen auch die Bedeutung für das Profil kirchlicher Einrichtungen auf.
Wenn in unseren Verfassungen von Gott die Rede ist, so ist damit keine kirchliche Bindung intendiert. Gemeint ist vielmehr der verpflichtende Charakter höchster Werte, die von den christlich-abendländischen Wurzeln unserer Gesellschaft bestimmt sind und in den unabdingbaren Menschenrechten ihren Ausdruck gefunden haben. Aus ihnen ergeben sich auch Konsequenzen für die ethische Erziehung in der Kindertagesstätte. Solcher „letzten“ Bindung entspricht keine Autoritätsmoral, in der untergeordneten menschliche Ansprüche nicht hinterfragt werden dürfen und mit absolutem Anspruch erscheinen, wobei Kinder zu bloßen Befehlsempfängern degradiert werden.
Vielmehr gilt es, Kinder darin zu bestärken, in Konfliktsituationen selbst Regeln zu entwickeln, die das Zusammenleben ordnen und die berechtigten Anliegen aller Beteiligten so gut wie möglich berücksichtigen. Einfühlungsvermögen in die eigenen Bedürfnisse wie die der anderen ist gefragt und die zunehmende Fähigkeit, sich über diese Bedürfnisse zu verständigen, zu verhandeln und so tragfähige Lösungen zu fi nden. Das ist mühsam, anstrengend und auch nur in überschaubaren Gruppengrößen zu leisten. In solchen Aus-handlungs- und Regelfindungsprozessen entwickeln die Kinder, unterstützt durch Impulse der erwachsenen Gesprächspartner, ein erstes Gespür und Sinn für Gerechtigkeit, Recht auf Leben und Entfaltung der eigenen Person wie der Anderen, Schutz vor Benachteiligung, Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen.
Kinder brauchen Menschen, die ihnen vermitteln, wie Empathie in den höchsten Werten wurzelt. Es geht dabei nicht nur um Handeln, sondern um die Motivation einer Haltung, die von Verpflichtung solchen Werten gegenüber bestimmt ist: „Ich handle so, weil jeder ein Recht auf ein gutes Leben hat … weil Pflanzen und Tiere sich nicht wehren können gegen die Zerstörung ihres Lebensraums und so weiter.“ Die Motivation, sich für Gerechtigkeit einzusetzen, ist auch in religiösen Überlieferungen verankert. Im Alten Testament sind es die Forderungen der Propheten, die im Namen Gottes von den Mächtigen Recht und Gerechtigkeit gegenüber sozial Schwachen einfordern. Dahinter steht die Hoffnung, dass Gerechtigkeit siegt, dass es sich lohnt dafür einzutreten.
Höchste Werte sind immer auch Erwartungen und Visionen des Gelingens und besitzen so religiösen Impetus. Deshalb sollten Erzieher in allen Kindertagesstätten ihre ethische Motivation und ihren ethischen Erwartungshorizont kommunizieren.
Unterstützend wirken auch Geschichten von Menschen, die sich ethischen Herausforderungen stellen und etwas von ihrer Haltung und Motivation verdeutlichen können. Um die Erfahrung von Konflikten geht es dabei – um das Suchen nach Lösungen, die im konkreten Fall zeigen, wie gut sich höchste Werte als Wegweiser in schwierigen Situationen erweisen. Da gibt es vielerlei Beiträge aus den unterschiedlichen Religionen, die in allen Einrichtungen beispielhaft vorgetragen werden sollten.
Für kirchliche Kindergärten heißt das vor allem, sich von der kurzschlüssigen Begründung konkreter Forderung mit Gottes Willen zu verabschieden: „Wenn du das nicht tust, dann ist der liebe Gott aber traurig.“ Überzeugender sind weiterführende Argumente: „Gott hat uns allen das Leben geschenkt, deshalb ist es jetzt unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alle etwas von ihrem Leben haben.“ Häufig werden die Zehn Gebote als Handlungsanweisungen vermittelt, die nicht hinterfragt werden können. Dabei sind sie vor allem Leitlinien für Regeln, die im Zusammenleben das Lebensrecht jedes Einzelnen schützen: Kinder und Eltern, Frauen und Männer sollen sich ungehindert entfalten können: ein gutes Verhältnis von Arbeit und Ruhe, Verlässlichkeit des menschlichen Wortes, Eigentum als Lebenssicherung.
Religiöse Erfahrungen sind eingegangen in religiöse Überlieferungen. Bei Kindern sind sie Teil dessen was von ihnen wahrgenommen wird, zu entdecken und zu erforschen ist. Bildung bedeutet in diesem Zusammenhang nach Grund und Bedeutung zu fragen: Warum gehen Menschen in die Kirche? Was erleben sie dort? Welche Geschichten verbergen sich in den Bildern und Figuren? Was ist die Bibel? Was ist eine Moschee? Warum beten die Menschen dort ganz anders? Alles Fragen, die den angesprochenen Erwachsenen nicht selten in Verlegenheit, weil an die Grenzen seines Wissens bringen.
Dabei ist es immer hilfreich festzustellen, wie weit religiöse Überzeugung in Überlieferungen eingegangen ist – am Beispiel der Heiligen auf den Brücken.
Auch heute identifizieren sich Menschen mit religiösen Überlieferungen. Kinder können beispielsweise erzählen, was sie an einem Kirchenraum mehr oder weniger beeindruckt, ob sie sich zu einer bestimmten Kirche oder Moschee hingezogen fühlen.
Erzieher sollten dann ihre eigenen Eindrücke dazu schildern – ob sie lieber in einer leeren Kirche herum wandern oder am Gottesdienst beziehungsweise an der Messe teilnehmen.
Es geht hier im Wesentlichen um Identifi kation: Menschen, die eine Beziehung zu diesen Themen haben, können besser ausdrücken, was ihnen religiöse Überlieferung bedeutet. Kindern lernen dabei eher, dass es sich um differenzierte Formen der Zugehörigkeit geht, um ganz unterschiedliche Beheimatungen. Das geht weit über kognitives Wissen hinaus.
Religiöse Formen und Inhalte verweisen auf Haltung und Einstellung von Menschen, die distanziert oder eng mit ihrer Kirche verbunden sind – gleich ob Christen oder Angehörige anderer Religionen. Um religiöse Überlieferungen zu erkennen und zu verstehen, muss man wissen, was sie für Menschen bedeuten. Kinder sollten deshalb die Einstellung der Bezugspersonen erfragen und wahrnehmen können. Das setzt zunächst ein bestimmtes Grundwissen bei den Erziehern voraus – dann aber auch die Bereitschaft und Offenheit, die eigene Einstellung zur Religion zu bekennen. Daraus lernen die Kinder, dass es auch um ihr eigenes Erleben, ihre eigene Gefühle in Verbindung zur religiösen Überlieferung geht, wobei natürlich die Einstellung des Elternhauses von entscheidender Bedeutung ist.
Die kirchlichen Kindertagesstätten sollten bei ihrem pädagogischen Personal eine Identifi kation mit den entsprechenden Traditionen voraus setzen, die den Schatz der religiösen Überlieferungen, dem entdeckenden Lernen der Kinder zugänglich machen können. Die religiöse Bildung der Erzieher ist also wichtig – sie müssen sich auf dem Gebiet der religiösen Überlieferungen auskennen. So können sie für die Kinder kompetente Gesprächspartner sein, um ihnen das Verständnis für Überlieferungen zu erleichtern – auch dessen Bedeutung für die Gegenwart.
Auch Begegnungen mit den Mitgliedern der christlichen Gemeinde sind empfehlenswert. Nach Treffen mit einzelnen Gruppierungen – beispielsweise Jugendliche oder Senioren – können sich Generationen übergreifende Partnerschaften entwickeln. Mitarbeiter der Gemeinde – angestellt oder ehrenamtlich – sind interessante Gäste, wenn sie von ihrer Arbeit in der Gemeinde berichten und aus ihrer Sicht Überlieferungen erklären: Aufgaben beim Gottesdienst oder Führungen im Kirchenraum.
Mit dem Messner kann man Entdeckungen machen – vom Keller bis zum Glockenturm. Der Organist beeindruckt zutiefst mit einem Konzert auf seinem Instrument. Schließlich lernen Kinder den tieferen Sinn der kirchlichen Feste durch Mitwirkung an deren Gestaltung und im kreativen Umgang mit der Symbolik.
Für Kinder gilt auch in diesem Zusammenhang: „Non scholae sed vitae discimus“. Es geht nicht um additives Wissen christlicher Inhalte, sondern um eigene Entdeckungen in der Welt der Religionen. Gerade die Spannung zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen Menschlichem und Göttlichem, zwischen Klarheit und Geheimnis, zwischen Vertrautem und Fremdartigem sollte den Kindern einleuchten. Es geht nicht um die Vermittlung unfehlbaren Wissens, sondern um eigene Annäherung, Vermutung, Hypothesen und Urteil. Deshalb muss den Kindern auch zugestanden werden, Inhalte, die normalerweise zweifelsfrei und ungefragt sind, kritisch anzugehen. So müssen sich Erwachsene auch auf ungewohnte Zugänge zu Überlieferungen einlassen.
Schwieriger aber auch interessanter wird es, wenn Religion nicht empirisch sondern abstrakt in den Fragen der Kinder aufscheint: „Woher kommen die Menschen? Seit wann gibt es Gott? Wo sind die Toten? Sind auch im Himmel Tiere? ...“ Solche Fragen tauchen oft aus heiterem Himmel auf. Lernen heißt für Kinder Erfahrungen in Relevanz zu anderem zu sehen und immer wieder nach solchen Bezügen zu suchen. Die hartnäckigen Warum-Fragen verweisen auf Imagination, die sich an die Grenzen der sichtbaren Welt und darüber hinaus wagt. Es geht um den Sinn von Zusammenhängen, wenn er auch nicht unmittelbar zu greifen ist.
Solche Fragen der Kinder werden letztlich immer wieder zu religiösen oder wissen- schaftlichen Fragen: „Warum geht jeden Tag die Sonne auf und unter? Warum müssen Menschen sterben?“ Deshalb brauchen Kinder Gesprächspartner, die sie mit ihren Fragen begleiten. Das Procedere taucht auch im BEP auf. Vielfach gibt es Vorbehalte gegen solche Unterhaltungen: Wie soll man sich verhalten, wenn man keine Antwort darauf weiß? Werden grundsätzlich Antworten aus der christlichen Überlieferung erwartet? Wie ist zu verfahren, wenn sich der Gesprächspartner bewusst von religiösem Engagement distanziert hat? Das sind die falschen Fragen. Begleiten heißt nicht auf alles antworten. Es geht vielmehr um Signale, dass solche Fragen akzeptiert werden, dass man ihnen Bedeutung zumisst, dass es aber auch keine schnellen Antworten dazu gibt.
Die Fragen der Kinder verweisen per se auf mögliche Antworten. Zunächst sollen sie gestellt werden können. Der erwachsene Gesprächspartner kann natürlich auch nach seiner Einstellung zu dieser Frage angesprochen werden. Dann ist es wichtig, eine ehrliche Antwort für die Kinder zu fi nden – womöglich eigene Schwierigkeiten zu bekennen. Kinder lernen daraus, dass es bei religiösen Fragen keine richtigen oder falschen Antworten gibt, dass Erwachsene oft anders denken als sie selbst, aber nicht unbedingt viel kundiger sind. Sie empfi nden es positiv, dass ihren Überlegungen Aufmerksamkeit und Respekt entgegen- gebracht wird. Schließlich lernen sie, dass unterschiedliche Meinungen kein Grund sind, schwierige Themen zu meiden.
Für den Pädagogen heißt das zunächst, sich den eigenen religiösen Fragen und Antworten zu stellen, sie zur Sprache bringen – in allihrer Differenziertheit. Nicht die Unterschiede sind problematisch, sondern der Versuch, sie zu verschweigen oder den Kindern apodiktische Antworten aufzudrängen. Die weltliche Kindertagesstätte muss demnach ebenfalls religiöse Fragen thematisieren – in Gesprächen im Team oder mit den Eltern. Dabei geht es um die Akzeptanz der unterschiedlichen Haltungen. Diese Offenheit ermöglicht es einem Erzieher, seine Überzeugung für oder gegen den Glauben zu bekennen.
Wichtig ist Glaubwürdigkeit, mit der religiöse Fragen behandelt werden und die Offenbarung eigener Überzeugung.
Hier gibt der Träger die christliche Grundposition vor. Die Erzieher sollten in der Regel den Kindern eine christliche Haltung vermitteln. Das regelt von vornherein die AcK-Klauselim Vertrag, die die Mitgliedschaft in einer christlichen Kirche zur Bedingung der Anstellung macht. Gleichwohl unterscheidet sich die Behandlung der religiösen Fragen, die von den Kindern gestellt werden, nicht grundsätzlich von den weltlichen Kindertagesstätten, Auch hier stoßen unterschiedliche Vorstellungen aufeinander: Religiöse Differenzierung zeigt sich auch unter dem Dach der kirchlichen Institution – je nach persönlicher Einstellung: von hoher Übereinstimmung mit der kirchlichen Tradition bis zu kritischer Distanz.
Es ist Aufgabe des Trägers, Vielfalt zu akzeptieren und ihr Raum zu geben, um der Ehrlichkeit der persönlichen Überzeugung willen – solange die Angesprochenen bereit sind, ihre eigene Überzeugung in Relation zur christlichen Orientierung zu setzen und die christliche Grundposition zu anerkennen. In kirchlichen Einrichtungen darf man auch erwarten, dass christliche Überlieferung in Gesprächen mit Kindern deutlich wird. Gerade wenn der Tod thematisiert wird sollten auch biblische Hoffnungsbilder ihre Aussagekraft entfalten können – etwa das Saatkorn, das zu einer neuen Pfl anze wird – oder die Imagination einer neuen Welt bei Gott. Bei Fragen nach unbegreiflichem Schicksal (Theodizee) geben die Klagepsalmen des Alten Testaments oder die Geschichte von Hiob eine Antwort, mit denen auch schon Kinder auf ihre Weise umgehen können. Es geht aber immer darum, diese Gespräche einzubinden in das gemeinsame Suchen nach weiterführenden und klärenden Gedanken.
Es hält sich hartnäckig die Vorstellung, Religion könne man allein durch objektive Informationen nachvollziehen – wenn man zum Beispiel Gebete erklärt, Festabläufe erläutert, Glaubensinhalte zur Kenntnis nimmt. Sicher geht es in jeder Religion auch um Wissen. Aber eindrucksvoller sind Einstellungen und Haltungen, mit denen man sich identifi zieren kann – auch die aktive Teilnahme an Ritualen. Kleine Kinder gewinnen Zugang über das Tun. Für sie ist das zuverlässig wiederkehrende Ritual, das sie im Vertrauen in die umgebende Welt bestärkt wichtig. So finden sie auch einen Weg zur Religion, wenn sie eingebunden sind in gemeinsame Verhaltensweisen – vom täglichen Beten bis zum Brauchtum, das sich um die kirchlichen Feste rankt.
Hartnäckig hält sich auch die Einstellung vieler Eltern, eine Teilnahme ihrer Kinder an religiösen Handlungen sollte erst dann erfolgen, wenn diese sich selbst entscheiden könnten. Solche Entscheidungen aber können erst erfolgen, wenn Erfahrung und Wissen vorhanden ist, wenn Religion mit allen Sinnen erlebt wurde. Die Eltern aber bestimmen dieses Erleben – sei es, dass sie in der Kindertagesstätte die Fortsetzung häuslicher religiöser Erziehung erwarten, sei es, dass sie die Begegnung mit religiösen Überlieferungen wünschen, um häusliche Defi zite auszugleichen. Die einen lehnen die religiöse Unterrichtung ausdrücklich ab – anderen ist es gleichgültig, was in diesem Zusammenhang auf ihre Kinder zukommt. Wenn nun aber Religion eine Dimension von Bildung ist, sollte auch deren ganzheitliches Erleben nicht ausgeklammert werden. Wie kann man diese unterschiedlichen Voraussetzungen auf einen Nenner bringen? Eine Möglichkeit bieten unterschiedliche Initiativen und Aktivitäten im Zusammenhang mit religiösen Anlässen. Eine Erzieherin lädt beispielsweise zu einer christlichen Osterfeier ein, um den Kindern ihre Gläubigkeit zu vermitteln. Die Eltern werden über dieses freiwillige Angebot informiert und können entscheiden, ob ihr Kind daran teilnehmen soll. Die Teilnahme kann sich in aktiver Mitwirkung manifestieren oder als passives Erleben – beides ist in Ordnung und zwar für Kinder, Teammitglieder und Eltern. Man kann also mitsingen und mitbeten oder auch nicht.
Auch Moslems können zum Zuckerfest einladen, zu dem andersgläubige Gäste willkommen sind. Kinder lernen so andere Glaubensinhalte und -sitten und verschiedene Möglichkeiten der Mitwirkung: aktiv Mitgestalten, behutsame Annäherung, spielerische Identifi kation, passive Beobachtung oder eben eine Ablehnung jeder Beteiligung.
Jede dieser Verhaltensweisen muss respektiert werden als Ausdruck der Entscheidungen, die Eltern und auch Kinder selbst getroffen haben. Niemand muss sich vereinnahmt fühlen. Aber so können Kinder beispielsweise die Sitte des Tischgebets kennen lernen oder auch das Stillsein unter christlichen Symbolen oder eben die Festlichkeiten unterschiedlicher Religionen.
Unter diesen Vorzeichen können auch Gäste in die Einrichtung eingeladen werden: der evangelische oder katholische Pfarrer, der muslimische Imam. Die religiöse Aura und Kompetenz der Gäste können in der Kindertagesstätte eingesetzt werden, um Religion entdecken zu können – in ihren Inhalten, Formen, Traditionen und Aufgaben. Autoritäten vermitteln ihren Glauben und regen das Interesse an – ohne Zwänge und missionarischen Eifer.
In einer kirchlichen Kindertagesstätte haben christliche Formen immer einen hohen Stellenwert. Es darf nicht dem Zufall überlassen bleiben, wie Erzieherinnen und Erzieher die Kinder daran teilnehmen lassen. Das Engagement messen Träger meist daran, wieweit der Alltag oder die Feste von christlichen Glaubensinhalten geprägt sind. Darin zeigt sich letztlich das Profil der Einrichtung, und so füllt sich der Rahmen, der eine ganzheitliche Erfahrung von Religion als Teil des Bildungsgeschehens vorgibt. Allerdings sollte eine unterschiedliche Mitwirkung bei allen Aktivitäten möglich sein.
Wenn muslimische Eltern ihre Kinder in eine christliche Einrichtung schicken, sollten sie dort eine besondere Sensibilität für ihre eigene Religion erfahren. Das gilt auch für Eltern, die trotz eigener Distanz zur Kirche eine religiöse Erziehung befürworten – gleichwohlin ihrer kritischen Einstellung respektiert werden wollen. Religiöses Erscheinungsbild – auch im Umgang mit christlichen Formen – muss nicht im Widerspruch stehen zur Verpflichtung, Kinder aus einem Umfeld unterschiedlicher religiöser Einstellung aufzunehmen und deren religiöse Orientierung zu achten.
Der BEP setzt so im Umgang mit Religion Maßstäbe und ermöglicht den verschiedenen Trägern ihr eigenes Profil. Pfarr- oder Kirchengemeinden gewichten die Aufgabe religiöser Bildung und Erziehung anders als beispielsweise kommunale Träger. Die entscheidenden Akzente aber setzen die Erzieher mit ihrer persönlichen Einstellung zur religiösen Erziehung und Bildung. Ihre Haltung ist entscheidend – wie sie sich den religiösen Inhalten stellen, sich selbst informieren und die eigene Einstellung klären.
Von ihnen sollten Kinder lernen, dass Religion untrennbar mit religiöser Haltung verbunden ist und dass die menschliche Gesellschaft von religiöser Vielfalt geprägt ist. Ein gemeinsames Verständnis vom humanen Leitbild des Menschen und den höchsten Werten leiten den pädagogischen Impetus, der die Kinder in ihrer Eigenständigkeit und im Fokus ihres Lernens respektiert.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung von KITA-AKTUELL